Das erste Wochenende der Leichtathletik-WM 2009 in Berlin ist vorbei und es gab bereits einige Höhepunkte. Als leidenschaftlicher Fan solcher Großereignisse war ich natürlich die meiste Zeit am TV dabei.
Herauszuheben ist am ersten Wettkampftag aus deutscher Sicht natürlich die Bronze-Medaille für Ralf Bartels im Kugelstoßen. Sportlich gehörten neben den 7-Kampf-Mädels vor allem die 100m Vor- und Zwischenläufe zu meinem absoluten Lieblingsprogramm.
Bei den deutschen Mehrkämpferinnen lag Jennifer Oeser auf Medaillienkurs. Hey, da geht doch was. Etwas irritiert war ich über die Blondine im blau-gelben Shirt und mit russischem Namen. Das war doch eigentlich das schwedische Erkennungszeichen. Aber der Schwedenhappen hatte doch nicht gemeldet. Aha, die Ukrainerin war`s und die sieht irgendwie schwedisch aus. Beeindruckend auch wie die nur 1,64m kleine Jessica Ennis locker über 1,92m sprang.
Bei den Sprintern waren die Superstars gleich neben echten Exoten am Start. Die haben teilweise noch nie mit einem Startblock gearbeitet und die, die es auf dem Vorbereitungsplatz gibt, sind auch noch andere Modelle als die im Stadion. Von drei Deutschen kam nur einer in den Zwischenlauf und schied dort leider aus. Die absoluten Rockstars der Szene sind aber Bolt, Gay, Powell und Bailey. Und die hatten ihre Auftritte an beiden Tagen.
Im Zwischenlauf am Samstag dominierten Usain Bolt und sein Trainingskumpel Daniel Bailey das Rennen dermaßen, dass sie nach 50 Metern auf die Bremse traten und lächelnd und entspannt als Erster und Zweiter mit 10,02 bzw. 10,03 sec ins Ziel trudelten. Asafa Powell machte es im Vorlauf fast zu lässig und qualifizierte sich „gerade noch so“, obwohl er eigentlich weit überlegen war. Tyson Gay hingegen machte keine Spielchen auf der Bahn sondern ging hoch konzentriert an seine Läufe und zog mit 9,98 sec ins Halbfinale ein. Juchu, das lässt für Sonntag einiges erwarten. Ich war mental schon ein echter Jamaikaner.
Am Sonntag überlegte ich mir früh morgens spontan, nach Berlin zu fahren und das ganze live zu erleben. Bedingung musste dabei aber sein, dass ich eine Eintrittskarte sicher habe. Ein Anruf bei der Orga, deren Vertreter Samstag im TV noch rumjammerten, dass das Stadion nicht voll sei, half aber auch nicht. Man verwies mich auf die Homepage. Ach nee, da stand doch nur die Telefonnummer. Die nette Dame stimmte mir zu und sagte, dass es wohl nur noch Karten an der Tageskasse gebe. Die kosten 85 – 153 Euro und telefonisch reservieren geht nicht. Ich solle mal hinkommen, es gibt bestimmt noch welche… Ähm, das ist dann doch etwas teuer und riskant. Da bleibe ich lieber in der eigenen Couch-Loge. Kein Wunder, dass sie das Stadion nicht voll kriegen.
Kaffee geholt und die 7-Kämpferinnen geguckt. Es traten dann auch noch die kräftigeren Damen vom Speerwerfen und Kugelstoßen auf den Plan. Mittags war dann Pause und ich radelte zum Strand.
Pünktlich zu 18 Uhr war ich zurück und bereitete mich langsam auf die 100m Halbfinals vor. Außerdem hatte ich überlegt, wie geil wohl eine 4×100m Staffel mit Powell, Gay, Bolt und mir als Schlussläufer wäre. Diese Idee reichte ich auch via Twitter weiter und Rüdiger verarbeitete sie gleich in einem Artikel und zu einem Lied.
Die Halbfinals der Männer starteten gleich mit einem Fehlstart von Bolt. Ey, nicht dass der noch wegen so was ausscheidet. Wir wollen doch ein echtes Finale sehen. Aber für die Favoriten lief alles glatt. Die langsamste Qualifikationszeit für das Finale waren 10,04 sec. Das ist ja mal ne Marke!
Bei den 7 Kämpferinnen lief es dann auf einen Showdown für Jennifer Oeser im abschließenden 800m Rennen hinaus. Der hatte es dann auch in sich. Nach 350m stürzte sie, rappelte sich sofort wieder auf und wurde von den knapp 50.000 Zuschauern nach vorn getrieben. Innerhalb einer Minute rollte sie das Feld von hinten auf und stürmte an den direkten Konkurrentinnen vorbei auf den Silberrang. Wahnsinn. Was war denn da plötzlich im Stadion los? Gänsehaut pur.
Während sie im Zielbereich völlig platt auf der Bahn saß, sicherte sich Nadine Kleinert quasi parallel ebenfalls die Silbermedaille im Kugelstoßen. Plötzlich brachen alle Dämme. Die beiden Mädels teilten sich eine Deutschlandfahne und drehten eine Stadionrunde. Die Zuschauer waren völlig aus dem Häuschen. Ich auch. Ein Ordner wies zunächst erfolglos auf den Zeitplan hin, denn die Sprinter saßen schon auf den Startblöcken, warteten und schauten sich das Treiben an. Die Zuschauer pfiffen den armen Volunteer auch noch aus, als er die Silber-Mädels aufforderte, die Laufbahn zu verlassen. Nach einigen weiteren Minuten war die Bahn frei und die schnellsten Menschen auf dem Planeten durften ran. Direkt vor dem Start gab es die üblichen Spielchen und Rituale. Danach folgte die sportliche Show.
In unglaublichen 9,58 sec lief Usain Bolt zu Titel und Weltrekord. Sein großer Konkurrent Tyson Gay wurde in 9,71 sec Zweiter vor Asafa Powell in 9,84 sec. Und wieder flippten die Zuschauer aus. So muss es sein. Was für ein Abend. Mehr davon.
Die vorher mit Rüdiger abgemachte Wette, mit Rasta-Perücke in die Seebar zu gehen, wenn Bolt wie in peking wieder 3x Gold holt, habe ich wohl schon „gewonnen“. Wer will denn ernsthaft daran zweifeln, dass Bolt auch die 200m gewinnt? Und welche Staffel soll uns Jamaikaner denn bitteschön besiegen? Ich habe jetzt eine Woche Zeit, mir so eine Karibik-Mütze mit Rasta-Locken dran zu besorgen.